09
März
2017
|
00:00
Europe/Berlin

KYOCERA CeBIT Countdown #4

Vom 20. bis 24. März 2017 wird KYOCERA Document Solutions auf der CeBIT in Halle 3, B20 seine Workflow-Lösungen präsentieren. Da Japan in diesem Jahr Partnerland der CeBIT ist, möchten wir als japanisches Unternehmen bis dahin das Land der aufgehenden Sonne etwas genauer vorstellen. Dazu wirft die Japanologin Elisabeth Scherer jeden Mittwoch bis zur CeBIT einen Blick auf japanische Gepflogenheiten. In Folge 4 geht es um Kyudo: Das japanische Bogenschießen hilft Führungskräften, den Kopf wieder frei zu kriegen. Weitere Informationen, worauf Sie im geschäftlichen Umgang mit anderen Kulturen achten müssen, erfahren Sie in unserem E-Book "Andere Länder - Andere Sitten", das Sie kostenloss hier herunterladen können. 

KYUDO: DEN AUGENBLICK BEHERRSCHEN

Kyudo, das japanische Bogenschießen, ist eine Sportart, die höchste Konzentration erfordert. Wer den „Weg des Bogens“ beschreiten will, muss viel Geduld mitbringen und wird mit einem freien Kopf belohnt. Für unsere Japan-Serie hat Elisabeth Scherer den Kyudo-Verein Neandertal besucht und Einblicke in eine hochästhetische Freizeitbeschäftigung gewonnen – die auch Führungskräften helfen kann, ihr Leben immer wieder neu auszurichten.

Zehn elegant in Schwarz und Weiß gekleidete Frauen und Männer haben sich an einem Dienstagabend in der Turnhalle einer Grundschule in Erkrath eingefunden, sich ordentlich in zwei Reihen aufgestellt und lauschen ihrem Lehrer Reinhard Kollotzek. Auf einer Bank an der Turnhallenwand wacht eine gerahmte Fotografie von Professor Inagaki Genshirô, der das japanische Bogenschießen 1969 nach Deutschland gebracht hat. „Wir halten den Pfeil ganz leicht nach unten, sodass ein Wassertropfen daran entlanggleiten könnte“, erklärt Kollotzek seinen aufmerksamen Schülern. Der 61-Jährige hat 2002 den Kyudo-Verein Neandertal gegründet und ist Inhaber des 5. Dan – ein hoher Rang, den in Deutschland nur wenige erreichen.

Lebenslanges Üben statt Lifestyle-Produkt

Ein Blick in die Runde zeigt: Die Leidenschaft für das japanische Bogenschießen kann in jedem Alter erwachen. Die 19-jährige Marie Dams hat Kyudo für sich als Austauschschülerin in Japan entdeckt, während der heute 73-jährige Hans Heidecker erst mit Mitte 60 eingestiegen ist. Bis man wie die beiden auf die lange Distanz von 28 Metern schießen kann, ist es jedoch ein langer Weg. Ein Dreivierteljahr bis ein Jahr muss man üben: Zunächst mit einem Holzstück, an dem ein Gummischlauch befestigt ist, später mit dem „nackten“ Bogen und schließlich auf die kurze Distanz, bei der auf sogenannte Makiwara – Reisstrohbündel – geschossen wird. Bei einer Zugstärke von 12 bis 14 kg bei den Frauen und 14 bis 18 kg bei den Männern ist eine saubere Technik unerlässlich, sonst gibt es blaue Unterarme oder die Brille fliegt von der Nase. Kyudo eignet sich daher auch nicht für kurze Wochenendseminare. „Wir bieten kein Lifestyle-Produkt“, erklärt Uta Scholten, 51, die seit der Gründung des Vereins dabei ist und mittlerweile den 3. Dan innehat.

Exklusiver als Golf

Kyudo ist auch in Japan kein Breitensport, in Deutschland aber ist es exklusiver als Golf. Nur 1.300 Mitglieder zählt der deutsche Kyudo-Bund. Wenn die Schützen mit ihren über zwei Meter langen Bogen in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sind, ernten sie regelmäßig neugierige Blicke. Das Gerät wird größtenteils aus Japan importiert und ist klassisch aus natürlichen Materialien gefertigt, wie der maßgefertigte Handschuh aus geräuchertem Hirschleder, der Bambusbogen und die Pfeile, die mit echten Federn bestückt sind. Heute werden aber auch Bogen aus Glas- oder Carbonfaser genutzt, und die Pfeile sind häufig aus Aluminium. Die Erkrather Schützen behandeln ihre Utensilien mit großem Respekt: Routiniert werden zu Beginn gemeinsam die Zielscheiben und Makiwara aufgebaut und die Bogen behutsam aus einer Stoffhülle ausgewickelt, bevor die Sehne gespannt wird. Uta Scholten hat ihren Bogen beim kaiserlichen Bogenbauer Shibata Nobuhiro gekauft, der seine Werkstatt in Kyoto hat, und stellt sich ihre Pfeile selbst zusammen. „Dann kann ich sie farblich so gestalten, wie es mir gefällt, und es kommt nicht zu Verwechslungen.“

Bogen und Körper werden eins

In Deutschland erstmals bekannt wurde Kyudo über das Buch „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ (1948) von Eugen Herrigel. Der deutsche Philosophieprofessor, der länger in Japan lebte, beschreibt Kyudo darin als eine Art spirituelle Praxis, die eng mit dem Zen-Buddhismus verbunden ist. Seine Ausführungen beruhen jedoch größtenteils auf Missverständnissen – Herrigel konnte kein Japanisch –, und Kyudo ist bei weitem kein „Zen-Bogenschießen“. Beim Training in Erkrath, das stellt Uta Scholten klar, wird vor allem Technik vermittelt, keine Weltanschauung. Dennoch hat das Kyudo das Potenzial, eine bedeutende Rolle im Leben der Praktizierenden einzunehmen. „Ich habe gespürt, dass der Bogen ein Teil meines Körpers wird, oder mein Körper ein Teil des Bogens“, beschreibt Scholten ihre erste Begegnung mit dem japanischen Bogenschießen.

"Zeit wird irrelevant"

Es ist immer der gleiche, langsame Ablauf, der praktiziert wird: Anheben des Bogens, Spannen, Schießen. Wenn die Sehne voll ausgezogen ist, kommt eine körperliche Dynamik in Gang, und die Anspannung steigert sich auf ein Maximum. Dieser Moment der vollsten Konzentration dauert nur wenige Sekunden, ist aber entscheidend für das Kyudo. „Man bekommt das Gefühl, den Augenblick zu beherrschen“, beschreibt Uta Scholten, „Zeit wird irrelevant“. Kyudo erfordert, ganz im Hier und Jetzt zu sein, wodurch es auch für Führungskräfte einen attraktiven Ausgleich zu ihrem oft hektischen Berufsalltag darstellen kann. Wenn man die Übungshalle – das Dojo – betritt, bleiben Stress und Konkurrenzdruck für drei bis vier Stunden zurück. Gekämpft wird, wenn überhaupt, nur gegen sich selbst.

Manchem Einsteiger mag es sehr mühsam erscheinen, dieselben Bewegungsabläufe immer und immer wieder zu üben. Auch die Aussicht, lebenslang Lernender zu bleiben, mag zunächst abschrecken. Doch wer erst einmal mit dem Bogen eins geworden ist, den lässt er nicht mehr los: „Manchmal nimmt man einen Pfeil in die Hand und bekommt das sichere Gefühl, der kann jetzt gar nicht danebengehen“, erzählt Uta Scholten. „Das ist der größte Glücksmoment, dafür macht man das.“

Jetzt CeBIT-Ticket sichern: Weitere Informationen und die Möglichkeit der Terminvereinbarung gibt es auf www.cebit.kyocera.de.