Meerbusch,
11
März
2019
|
14:44
Europe/Berlin

„Die Umwelt ist nicht mit erhobenen Zeigefinger zu retten“

Prof. Harald Kächele von der Deutschen Umwelthilfe im Interview

Zusammenfassung

Seit dem Jahr 1987 kooperieren die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und KYOCERA Document Solutions miteinander. Prof. Harald Kächele, Bundesvorsitzender der DUH, erklärt im Interview, wie wichtig solche Partnerschaften für die Umweltschutzorganisation sind und warum Unternehmen in eine nachhaltige Transfomation ihrer Geschäftspolitik investieren sollten.

KYOCERA: Herr Kächele, KYOCERA und die DUH arbeiten seit mehr als 30 Jahren zusammen: Wie wichtig sind der DUH solche Partnerschaften zu Unternehmen?

Harald Kächele: Gerade in den Industrienationen leben wir aus ökologischer Sicht über unsere Verhältnisse. Ob es die Fernreise in den Urlaub ist, die tägliche Fahrt zur Arbeitsstätte oder unser täglicher Stromverbrauch: Dies alles wirkt sich auf unseren ökologischen Fußabdruck aus. Dies hat Folgen: Immer mehr Tier- und Pflanzenarten sterben aus, in Deutschland, aber auch weltweit. Rußpartikel lassen Menschen in vielen Städten der Welt krank werden. Plastik verschmutzt die Weltmeere und verschandelt viele Landschaften weltweit. Die Temperatur steigt an und der unaufhaltsame Anstieg des CO2-Gehaltes der Atmosphäre lässt das Ziel, den Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf zwei Grad zu begrenzen, jeden Tag unwahrscheinlicher werden. Um diese Entwicklung aufzuhalten, bedarf es auf der einen Seite einer Transformation unseres Lebensstils. Auf der anderen Seite muss aber auch das Wirtschaften ökologischer werden. Sei es ein verantwortungsbewusster Umgang mit Ressourcen oder die Entwicklung von ökologischen Dienstleistungen oder Produkten – für diese Transformationen benötigen wir Unternehmen. Als Deutsche Umwelthilfe suchen wir daher seit 1975 den Kontakt zu Unternehmen.

KYOCERA: Nun ist das Ziel eines Wirtschaftsunternehmens zunächst einmal die Maximierung des Gewinns. Passen die Interessen von Wirtschaftsunternehmen und Umweltschutzorganisation daher überhaupt zusammen?

Kächele: Wir stellen durchaus fest, dass immer mehr Unternehmen sich dieser Verantwortung bewusst sind. In den Gesprächen, die ich mit Geschäftsführern führe, erkenne ich auch eine ernsthafte Absicht, die ökologische Transformation voranzutreiben. Ich glaube aber, dass oft die Annahme vorherrscht, dass Wachstum immer auch mit einem erhöhten Ressourcenverbrauch einhergehen muss. Diese Denkweise halte ich für falsch: Unternehmen müssen vielmehr darauf abzielen, dass neue Produkte, Prozesse oder Lösungen weniger Ressourcen verbrauchen. Wir unterstützen Unternehmen mit Beratungs- und Dialogangeboten, solche Wege zu finden.

KYOCERA: Wir Deutschen sehen uns ja gerne als Weltmeister im Klimaschutz. Wie schätzen Sie den Standort Deutschland in Bezug auf das Thema Nachhaltigkeit ein?

Kächele: Insbesondere was die Politik betrifft, bin ich mittlerweile eher ernüchtert. Hier haben wir in den vergangenen Jahren stark nachgelassen und setzen auf falsche Technologien. Gleichzeitig gibt es aber sehr viele Unternehmen, die über kluge Innovationen verfügen. Am Ende entscheiden aber die Verbraucher: Hier sehe ich es als einen wesentlichen Aspekt unserer Arbeit an, Aufklärungsarbeit zu leisten. Dabei ist die Welt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger zu retten. Natur-, Umwelt- und Klimaschutz braucht in der Demokratie Akzeptanz, Begeisterung und die Bereitschaft vieler Menschen, mitzumachen. Dazu müssen wir Spaß am Tun und Aussicht auf Erfolg vermitteln können. Aus diesem Grund sind Kooperationen, wie wir sie mit KYOCERA pflegen, so wichtig. Mit dem Engagement im Rahmen des Projekts Lebendige Flüsse oder dem KYOCERA NATOUR-GUIDE können wir die Erfolge von Naturschutz und der Übernahme von Unternehmensverantwortung vermitteln und so die Belegschaft als Multiplikator gewinnen.

KYOCERA: Das bringt uns direkt zum Thema Corporate Social Responsibility (CSR). Wie glaubwürdig kann das Umweltengagement eines Unternehmens tatsächlich sein?

Kächele: Es gibt verschiedene Ebenen, wie das Thema CSR in den Unternehmen verankert ist. Unternehmen, die das Thema Nachhaltigkeit ausschließlich über Kommunikations- oder Marketingzwecke inszeniert, sind für mich sehr nahe am Green Washing. Wer CSR ernsthaft betreiben möchte, sollte seine Veranwortung auf zwei Säulen stellen. Die erste ist, dass Unternehmen ein bestimmtes Budget für das Allgemeinwohl bereitstellen und somit entsprechende Aktivitäten fördern. Viel wichtiger ist jedoch die zweite Säule: Diese betrifft das Kerngeschäft bzw. die Prozesse in einem Unternehmen. Dazu müssen sich Organisationen über ihre CO2-Bilanz bewusst werden. Im Mittelpunkt steht hier die Frage, welchen Einfluss Produktions-, Büro- oder Lieferprozesse auf die Umwelt haben und wie sich dieser Einfluss reduzieren lässt.

KYOCERA: Wie viele Unternehmen gehen denn diesen Weg?

Kächele: Wir stellen durchaus fest, dass die Anzahl der innovationsgetriebenen Unternehmen zunimmt. Immer mehr Entscheider treiben die von mir angesprochene Nachhaltigkeitstransformation voran. Dieses zeigt mir, dass ökologisches und ökonomisches Denken sehr gut zusammenpasst und nachhaltig orientierten Unternehmen die Zukunft gehört, weil diese wettbewerbsfähiger sind. Hierzu tragen wir auch mit unserer Arbeit bei. Dazu gehört es auch, manchmal unbequem zu sein.

KYOCERA: Damit spielen Sie auf Dieselgate an. Dies hat Ihnen viel Kritik eingebracht. So wird die Deutsche Umwelthilfe u.a. als Abmahnverein tituliert. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um?

Kächele: Dieser Vorwurf trifft auf unsere Arbeit nun wirklich nicht zu. Da die staatlichen Behörden in der Regel umweltbezogene Verbraucherschutzregelungen nicht kontrollieren und Verstöße bestrafen, kontrolliert die DUH stichprobenartig den Vollzug von Gesetzen und Verordnungen mit Umweltbezug. Die DUH versteht sich damit als Anwalt des Verbrauchers. Die DUH ist damit mitverantwortlich, dass umweltbezogene Verbraucherschutzvorschriften tatsächlich von Handel und Industrie eingehalten werden und dass der Verbraucher darauf vertrauen kann, dass Produkte, die ihm angeboten werden, auch das halten, was versprochen wird.

KYOCERA: Wie kann der Gesetzgeber generell ökologisches Handeln von Unternehmen bzw. diese Verhaltensänderung fördern?  

Kächele: Wir brauchen Gesetze, hohe Grenzwerte und eine wirksame Kontrolle, um Natur, Umwelt und Klima zu schützen. Diese Gesetze werden Politiker aber nur dann gegen harte Lobbyinteressen beschließen, wenn Sie wissen, dass sie das Wahlvolk auf ihrer Seite haben. Wer die Menschen motivieren, begeistern und mobilisieren kann, wird mit seinen Anliegen auch von der Politik ernst genommen. Umweltschutz muss daher ein wichtiges politisches Thema bleiben. Dazu muss man einerseits aufrütteln, skandalisieren und den Finger in die Wunde legen, andererseits aber auch Spaß an der Umsetzung von erfolgreichen Alternativen vermitteln. Ein Spagat für alle Institutionen, die sich für Klima-, Natur- und Umweltschutz engagieren. Deswegen freuen wir uns über langfristige Partnerschaften und Aktionen, wie wir sie mit KYOCERA pflegen: Auf diese Weise können wir auch zeigen, dass eine nachhaltige Unternehmensausrichtung und Geschäftserfolg Hand in Hand gehen.

KYOCERA: Herr Kächele, vielen Dank für das Gespräch.

 

 

DER KYOCERA NATOURGUIDE - LEBENDIGE FLÜSSE ERLEBEN

Gemeinsam mit der DUH und Manuel Andrack hat KYOCERA einen Wanderführer der besonderen Art herausgebracht: Den KYOCERA NATOUR-GUIDE. Darin finden Wanderfreunde 15 Streckenvorschläge, mit denen sich die lebendigen Flüsse entdecken lassen.